2 Frauen in einer Werkstatt. Links eine junge Frau mit Down-Syndrom, die ihren Kopf etwas gelangweilt und/oder müde mit ihrem Arm stützt. Rechts eine Fraue die demonstriert, wie ein Vogelhaus zusammengebaut wird.

Oft sind Arbeitnehmende im ergänzenden Arbeitsmarkt unterfordert, während sie den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarkts nicht (mehr) gewachsen sind.

Voller Herzblut arbeitete Marianne Ruch* über 15 Jahre als Sozialpädagogin in einer Psychiatrie, bis die Signale ihres Körpers stärker wurden als der Wille, durchzuhalten. Ein Job im ersten Arbeitsmarkt stand plötzlich auf der Kippe. Denn Ruch hat Multiple Sklerose, die sich bei ihr vor allem im kognitiven Bereich bemerkbar macht. Vor rund 20 Jahren hat sie die Diagnose erhalten. 

«Im Laufe der Jahre hatte ich bemerkt, dass mich das Fatigue-Syndrom in meiner Arbeitsleistung einschränkt», sagt die heute 58-Jährige. Sie reduzierte ihr Vollzeitpensum und meldete sich bei der IV, um den Anspruch auf eine Teilrente prüfen zu lassen. Letzten Sommer kam dann der grosse Rückschlag. Marianne Ruch musste sich trotz enormer Willensanstrengung eingestehen, dass sie nicht mehr am regulären Arbeitsmarkt teilnehmen kann. 

«Mein Krankheitsverlauf ist instabil, hinzu kommt, dass die Arbeitsbelastung und der Personalmangel immer wie mehr zugenommen haben», erklärt sie. Eine ruhige und strukturierte Umgebung wäre für sie unerlässlich, aber ihr Beruf verlange immer wie mehr Tempo. Vergangenen Sommer sah Ruch die Krankschreibung als letzten Ausweg. Abklärungen bei der IV sind zwar noch hängig, Ruch möchte aber unbedingt einen Arbeitsversuch im geschützten Rahmen, dem sogenannten zweiten oder ergänzenden Arbeitsmarkt, starten.

«Jetzt bin ich von der Rentenberechnung der IV abhängig und auch bei Krankheit nicht mehr abgesichert, wie das im regulären Arbeitsmarkt durch den Arbeitgeber der Fall ist.»

Marianne Ruch, Sozialpädagogin und IV-Rentnerin

Zwischen Arbeitsmärkten und Unsicherheiten

Derzeit gibt es nach Angaben des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) keine genaue Definition für den ergänzenden Arbeitsmarkt. Laut dessen Online-Publikation «Soziale Sicherheit» zeichne sich der ergänzende Arbeitsmarkt – im Gegensatz zum ersten, allgemeinen Arbeitsmarkt – dadurch aus, dass nicht Arbeitskraft gegen Lohn getauscht, sondern Arbeitsplätze für Menschen mit administrativem Sonderstatus geschaffen werden. 

Dazu zählen Menschen mit Behinderungen oder Fluchterfahrung, Zivildienstleistende, verurteilte Personen oder Sozialhilfeempfänger:innen. Wie viele Menschen im ergänzenden Arbeitsmarkt tätig sind, ist dem Bundesamt für Statistik (BFS) auf Nachfrage von Reporter:innen ohne Barrieren nicht bekannt. Dies, weil die Erhebung solcher Daten Sache der Kantone oder der Kostenträger ist.

Im ergänzenden Arbeitsmarkt besteht die Möglichkeit auf intensive Begleitung, wobei der Leistungsdruck bewusst tief gehalten wird. Die Stellen sind häufig auf Stundenbasis oder zu niedrigen Pensen. Durchschnittlicher Stundenlohn: 2-15 Franken. Marianne Ruchs Sorgen galten bei den IV-Abklärungen vor allem diesem finanziellen Umstand: «Vorher hatte ich eine Teilrente plus meinen eigenen Lohn. Jetzt bin ich von der Rentenberechnung der IV abhängig und auch bei Krankheit nicht mehr abgesichert, wie das im regulären Arbeitsmarkt durch den Arbeitgeber der Fall ist.» 

«Ich bleibe immer noch ich – zwar mit weniger Leistung, aber wertvollem Wissen aus langjähriger Arbeitserfahrung.»

Marianne Ruch, Sozialpädagogin und IV-Rentnerin

Frustrierend sei für sie auch, dass sie trotz Hochschulabschluss geistig nicht mehr stark gefordert und gefördert werde. «Ich bleibe immer noch ich – zwar mit weniger Leistung, aber wertvollem Wissen aus langjähriger Arbeitserfahrung. Hätten Arbeitgebende einen guten Stellenschlüssel und flexiblere Lösungen, gäbe es mehr Spielraum bei der Aufgabenverteilung oder Teilzeitarbeit.»

Wirtschaftlichkeit vor Vielfalt

Auch Eva Meroni, Geschäftsleiterin der Stiftung Profil, kritisiert die fehlende Vielfalt und Flexibilität: «Früher hat jemand den Kaffee vorbeigebracht oder den Vorplatz gewischt. Diese Arbeitsplätze wurden wegrationalisiert. Fachkräfte erledigen heute auch das Aufräumen des Sitzungszimmers.» Weiter meint sie: «Institutionen zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen wurden fast über ein Jahrhundert aufgebaut. Der Bund und die Kantone haben viel Geld investiert. Noch heute werden Institutionen an der Auslastung gemessen. 

Das schaffe noch immer falsche Anreize, Menschen mit Behinderungen in diesen Institutionen zu behalten. Deshalb werde sich der ergänzende Arbeitsmarkt auch nicht von heute auf morgen auflösen. Die Kantone müssten gemeinsam mit den Institutionen und den regionalen Arbeitsmärkten neue Optionen erarbeiten.

«Ich fühle mich privilegiert, so gut begleitet zu sein.»

Marianne Ruch, Sozialpädagogin und IV-Rentnerin

Damit dennoch eine Veränderung möglich ist, begleitet die Stiftung Profil Menschen beim Wechsel vom ergänzenden in den regulären Arbeitsmarkt. Pro Jahr vermittelt sie zwischen 250 und 300 Festanstellungen. Rund 65 Prozent dieser Vermittlungen halten länger als zwei Jahre. Klar sei aber auch, dass der allgemeine Arbeitsmarkt nicht für alle Menschen das Richtige sei. «Manche sind in ihrem Krankheitsverlauf zu instabil oder auf eine intensive Betreuung, also auf Begleitung durch eine:n Sozialagog:in, angewiesen. Da kann der ergänzende Arbeitsmarkt als Puffer dienen, in dem Menschen geschützt sind oder sich erholen können», erklärt Meroni.

Job Coaching als Unterstützungsangebot

Um die Möglichkeiten eines Jobs im allgemeinen Arbeitsmarkt abzuklären, können sich Menschen mit Behinderungen für eine kostenlose Beratung bei Profil melden. Dort werden in einem Assessment Ressourcen wie die berufliche Grundbildung oder Sprachkenntnisse, aber auch allfällige Hindernisse und behinderungsbedingte Bedürfnisse eruiert. Gemeinsam wird dann eine Strategie zur Stellensuche entwickelt. Begleitet werden die Personen durch einen Job Coach.

«Das Phänomen von Diversity Fatigue ist immer häufiger spürbar. Manche Firmen unterwerfen sich gar der inklusionskritischen Bewegung aus den USA.»

Eva Meroni, Geschäftsführerin Stiftung Profil

Auch Ruch hat sich die Unterstützung einer Job Coachin geholt, die sie von ihrer früheren Arbeit bereits persönlich kennt. «Ich fühle mich privilegiert, so gut begleitet zu sein», sagt sie. Denn die Job Coachin habe sie mit dem anstehenden Wechsel nicht alleine gelassen. Geholfen habe ihr aber auch die spürbare Unterstützung ihres Arbeitgebers: «Viele kriegen die Kündigung, wenn sie nicht mehr die gleiche Leistung erbringen. Ich hingegen konnte während der Krankschreibung auf emotionale Begleitung und einen empathischen Vorgesetzten zählen. Dafür bin ich enorm dankbar.»

Mehr Durchlässigkeit für eine inklusive Arbeitswelt

Das Know-How für den Umgang mit Menschen mit Behinderungen können Arbeitgebende ebenfalls bei Profil erlangen. Von Modefilialen bis Banken – jährlich berät Profil 500 bis 600 Firmen rund um Fragen zu Arbeit und Behinderung. Was sich im ersten Moment gut anhört, hat einen bitteren Beigeschmack: «Das Phänomen von Diversity Fatigue* ist immer häufiger spürbar. Manche Firmen unterwerfen sich gar der inklusionskritischen Bewegung aus den USA», erklärt Meroni. Einen Lichtblick sieht sie in der Revision des Behindertengleichstellungsgesetzes BehiG: «Wenn das BehiG für private Arbeitgebende verschärft wird, würde der politische Druck etwas Power in die Sache bringen.»

«Wenn das BehiG für private Arbeitgebende verschärft wird, würde der politische Druck etwas Power in die Sache bringen.»

Eva Meroni, Geschäftsführerin Stiftung Profil

So oder so sehen die beiden Frauen einen ganz bestimmten Lösungsansatz: mehr Durchlässigkeit im allgemeinen Arbeitsmarkt. «Wenn Menschen mit Behinderungen nicht in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden, verlieren wir als Gesellschaft so manches: ihre Perspektive, ein grosses Potenzial an Arbeitskräften, die Teilhabe einer grossen Anzahl Menschen an der Gesellschaft», so Meroni. 

Bereits die Ausschreibung von Kleinstpensen wäre ein erster Schritt Richtung Durchlässigkeit. Das zeigen auch die Zahlen des BFS, denn rund zwei Drittel der erwerbstätigen Menschen mit starken Einschränkungen sind im allgemeinen Arbeitsmarkt auf eine Teilzeitstelle angewiesen – dies gegenüber einem Drittel an Teilzeit arbeitenden Menschen ohne Behinderungen. 

«Wenn Menschen mit Behinderungen nicht in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden, verlieren wir als Gesellschaft so manches: ihre Perspektive, ein grosses Potenzial an Arbeitskräften, die Teilhabe einer grossen Anzahl Menschen an der Gesellschaft.»

Eva Meroni, Geschäftsführerin Stiftung Profil

Ruch hat Glück. Dank der Flexibilität ihres Arbeitgebers steht ihr eine administrative Mitarbeit zu circa 30 Prozent zu den Bedingungen des ergänzenden Arbeitsmarktes in Aussicht. «So ist auch mein Kopf noch ein bisschen beschäftigt», meint sie. Damit sie mit dem Arbeitsversuch starten kann, muss sie auf die definitive Verfügung der IV warten. «Ich freue mich schon jetzt, wenn ich endlich loslegen kann.»

*Name der Redaktion bekannt

Diversity Fatigue

«Diversity Fatigue» bezeichnet die Erschöpfung, Frustration oder Widerstände, die bei Einzelpersonen oder Organisationen im Zusammenhang mit Diversitäts- und Inklusionsbemühungen auftreten können. Unternehmen oder Institutionen investieren über Jahre hinweg in Diversitätsprogramme, sehen aber nur langsam Fortschritte oder stossen auf Widerstand innerhalb der Belegschaft. Mitarbeitende haben das Gefühl, dass Diversity-Massnahmen eher symbolisch als wirklich wirksam sind.

Typische Ursachen für Diversity Fatigue sind:

  • Fehlende konkrete Erfolge oder sichtbare Veränderungen

  • Wiederkehrende Diskussionen ohne echte Lösungen

  • Widerstände gegen Veränderung

  • Überforderung durch komplexe gesellschaftliche und strukturelle Probleme