RoB: Marc Bleiker, wie haben Sie die Saison bis jetzt erlebt?
Marc Bleiker: Ich bin sehr zufrieden mit den Resultaten der bisherigen Skirennen. Nach einer Pause von zwei Jahren habe ich in der Disziplin Super-G, also im Super-Riesenslalom, einen Podestplatz herausgefahren.
Gratuliere! Sie haben ein Sehvermögen von einem Prozent auf einem Auge und von zwei Prozent auf dem anderen. Für die meisten Menschen ist eine eine Horrorvorstellung, fast blind einen Hang hinunter zu jagen. Was veranlasst Sie dazu?
Ganz einfach: Weil das Skifahren sich wie Freiheit anfühlt, was ein tolles Gefühl ist. Ich liebe diesen Sport!
Ok. Aber wie funktioniert ein Rennen ganz praktisch? Sie werden ja von einem Guide begleitet.
Man kann es sich so vorstellen: Der Guide fährt voraus. Über einen Funk gibt er mir Anweisungen, wo ich hinfahren muss. Wir nutzen dafür die Uhr als Angabe (10, 11, 1, 2), damit ich weiss, in welche Richtung ich fahren muss. Und ich gebe ihm ein kurzes Feedback, ob ich die Kurve gekriegt habe.
Das braucht ganz schön viel Vertrauen in den Guide, kann ich mir vorstellen.
Genau, das Vertrauen ist entscheidend. Auf der Piste muss die Kommunikation zwischen uns 100 Prozent stimmen. Deshalb verbringen wir viel Zeit miteinander, um das Vertrauen aufzubauen. Wir sind etwa 110 bis 130 Tagen auf dem Schnee unterwegs. Zusätzlich verbringen wir ein Wochenende mit Wandern in den Bergen.
«Gibt es zwischen dem Guide und mir Differenzen, müssen wir sie zuerst klären.»
Was ist in der Teamarbeit mit dem Guide noch wichtig?
Dass wir einander gut verstehen. Denn wenn wir bei den Trainings miteinander nicht gut auskommen, dann stimmt das Vertrauen auf der Piste nicht. Gibt es zwischen uns Differenzen, müssen wir sie klären. Das Verhältnis wird auch dadurch gestärkt, dass wir Unstimmigkeiten offen angehen.
Nun ist es die letzte Saison mit Ihrem Guide, der Sie seit 4 Jahren begleitet. Für die nächste Saison brauchen Sie eine neue Person. Wie ist die Suche bis anhin verlaufen?
Sie ist eine Herausforderung: Ich suche eine Person, die technisch gut Ski fahren kann und eine gewisse Ahnung vom Skirennsport hat. Sie braucht neben ihrer Arbeit und ihrem Umfeld Zeit dafür. Und natürlich spielt auch die persönliche Ebene eine Rolle, wir müssen uns gut verstehen, weil wir viel gemeinsame Zeit verbringen.
Und was hätte ein:e Guide von diesem Einsatz?
Sie oder er bekommt einen vertieften Einblick in den Skirennsport und die Möglichkeit, an viele verschiedene Orte zu kommen. Und: Sie oder er lernt das Skirennen als faszinierenden Teamsport kennen, das ist etwas, das sehende Skirennfahrer:innen nicht kennen. Und natürlich gibt es eine kleine Entschädigung.
Auf Ihrer Website schreiben Sie: «Mit Ehrgeiz und Fleiss möchte ich mein Leben in die Hand nehmen und alle Berge bezwingen». Welcher Berg war der grösste, den Sie bisher bezwungen haben?
In meinen Alltag sowie im Sport gibt es viele kleine und grössere Berge, die ich mit der Behinderung bezwingen musste und muss. Einer der grössten Berge war sicher die Lehre zum Kaufmann Profil B abzuschliessen, weil ich viel mehr Zeit investieren musste als jemand, der sehen kann. Da die Aufnahme über die Augen im Unterricht für mich schwierig war, musste ich den Schulstoff Zuhause nachlesen.
Und im Sport?
Es ist herausfordernd, den Spitzensport und das alltägliche Leben miteinander zu vereinbaren. Aber aktuell besteht die grösste Herausforderung darin, eine:n Guide zu finden. Wenn ich keine:n finde, ist meine Karriere vorbei.
Sie möchten nicht nur Skirennen fahren, sondern der besten Skirennfahrer mit Sehbehinderung der Welt werden. Warum haben Sie sich dieses Ziel gesetzt?
Ich möchte mein Bestes gebe und jeden Tag besser werden. Meine Leidenschaft zum Sport motiviert mich, das Ziel zu verfolgen. Ausserdem möchte ich der Gesellschaft zeigen, dass Menschen mit einer Sehbehinderung Skirennsport ausüben können. Dass das mit Anpassungen und Unterstützung des Umfeldes möglich ist.
Dazu nehmen Sie einen Aufwand auf sich: all die Trainings, die ganze Organisation, um an den Rennen teilzunehmen…
Da ich es nicht anders kenne, ist es für mich nicht ein übermässiger Aufwand, sondern das Ausüben meiner Leidenschaft. Dazu kommt, dass ich beim Skirennsport sehr viel erlebe. Ich lerne die Abläufe der Rennen kennen und feile an unterschiedlichen Fahrtechniken. Um mehr Geschwindigkeit zu erlangen, versuche ich zum Beispiel weniger Druck auf die Skis auszuüben. Auch stehe ich mit vielen verschiedenen Menschen im Austausch. Die Lebenserfahrung, die ich mit diesem Sport mache, ist riesig.
Wie kamen Sie eigentlich zum Skifahren?
Meine Eltern haben mir das Skifahren beigebracht und mir den Weg in die Karriere geebnet. Bereits als Zweijähriger stand ich auf den Skis. Am Anfang war es nur Spass, meine Eltern haben mich die Piste runtergelotst. Mit 17 Jahren habe ich durch PluSport das Skifahren als Wettkampf entdeckt und es hat mich voll gepackt. Die ersten Skirennen hat mein Vater mit mir bestritten.
«Ich möchte der Gesellschaft zeigen, dass Menschen mit einer Sehbehinderung einen solchen Sport ausüben können.»
Bekommt der Behindertensport in der Schweiz Ihrer Ansicht nach genug Beachtung?
Nein, durch die geringe Medienaufmerksamkeit stehen wir noch nicht gross im Fokus der Öffentlichkeit. Jedoch habe ich als Botschafter von PluSport die Aufgabe, den Behindertensport in Firmen, Schulen und bei anderen Veranstaltungen für die Öffentlichkeit greifbarer zu machen. Für mich ist das eine Herzensangelegenheit. Ich finde es sehr wichtig, das Thema der Öffentlichkeit näher zu bringen, damit sie ein besseres Verständnis für unseren Sport entwickeln kann.
Dazu gehört auch die Suche nach Sponsor:innen. Wie gestaltet sich diese?
Eher schwierig. Aber daran arbeite ich stetig, mit meinen Social Media Kanälen, meiner Webseite und den öffentlichen Auftritten. Da ich keine grosse Medienpräsenz habe, kann ich den Sponsor:innen nur meine Plattformen bieten und habe nicht die Möglichkeit, grosse Deals abzuschliessen. Doch insgesamt mache ich viele gute Erfahrungen, indem ich mehrere Sponsor:innen gewinnen konnte.
Ihr Motto bei ihrem Porträt von PluSport lautet: «Wenn man umfällt, aufstehen und weiter». Woher nehmen Sie sich die Kraft, immer wieder aufzustehen?
Aus dem Vertrauen, dass der Weg, auf dem ich bin, schon gut ist. Denn ich weiss, dass ich alles gebe und um die Punkte bemüht bin, die ich beeinflussen kann.
Zur Person
| Marc Bleiker, 23, lebt seit seiner Geburt mit einer starken Sehbehinderung. Mit 17 Jahren hat er angefangen, Skirennen zu fahren. Seit drei Jahren ist er als Botschafter für PluSport tätig, um in Schulen, Firmen und bei Events für Behinderung und Sport zu sensibilisieren. Neben dem Skifahren betreibt er Sportarten wie Joggen und Fitness. Bleiker arbeitet als Sachbearbeiter für den Kanton St. Gallen tätig. Mehr zu Marc Bleiker Folge Marc Bleiker auf Instagram |





