
«Die Menschen waren mehr mit sich beschäftigt.» Anita Wymann.
«Die Corona-Zeit war für mich anspruchsvoll», sagt Suad Dahir. Sie lebt mit einer psychischen Behinderung und einer Lernschwäche, während der Pandemie wohnte sie in einer betreuten Wohngruppe. Dort «durften wir nicht mehr raus, weil ein Ausgehverbot verhängt wurde.» Dieses habe für alle Bewohner:innen gegolten, sowohl die älteren als auch die jüngeren.
«Einkaufen und Spazieren waren nur nach Absprache erlaubt.» Ausserdem habe der Arzt schwierige Fachwörter verwendet, und einige Abläufe, beispielsweise für die Corona-Tests seien kompliziert gewesen. Glücklicherweise hätte sie sich nicht geniert, bei den Fach- und Betreuungspersonen nachzufragen, wenn sie etwas nicht genau verstanden hatte.
Zwar fand Anita Wymann, die mit Multipler Sklerose MS lebt, Masken, die für sie praktikabel waren. Doch sie kennt Personen mit MS, die keine tragen konnten. Diese mussten sich von einer Fachperson attestieren lassen, dass sie von der Maskenpflicht entbunden werden konnten.
Besonders gestört hat Wymann, dass sie während der Pandemie nicht nur als Mensch mit Behinderung wahrgenommen wurde, sondern zusätzlich als Risikopatientin. Dabei sei sie nur selten erkältet und eine Frau mit verschiedenen Interessen. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht an den Rand gedrängt werden. Denn wir sind ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft.»
«Wir müssen aufpassen, dass wir nicht an den Rand gedrängt werden. Denn wir sind ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft.»
Den Druck, sich impfen zu lassen, empfand Wymann als enorm. Mehrere hätten sie dazu gedrängt, auch weil sie beruflich mit Kund:innen Kontakt hatte. Schliesslich gab sie nach und begab sich mit dem Rollstuhl ins Impfzentrum des Berner Inselspitals. «Dort gab es nicht mal eine Rampe», erinnert sie sich. Im Impfzentrum standen die Menschen dicht beieinander. In der darauffolgenden Woche wurde Wymann positiv auf das Virus getestet.
Die Maskenpflicht bedeutete für Marianne Gegeckas mit der Gehörlosigkeit eine massive Einschränkung, denn sie liest von den Lippen ab. Diese Pflicht führte jedoch dazu, dass die Lippen und ein grosser Teil des Gesichts verdeckt waren. «Dadurch war ein Gespräch oft nicht mehr möglich», erklärt sie. Sie habe ein paar Situationen erlebt, die sehr schwierig waren. «In diesen fühlte ich mich derart ausgeschlossen und isoliert.»
Damit Gegeckas während der Pandemie weiter als Craniosacral Therapeutin arbeiten konnte, musste sie bei der kantonalen Ärztin eine Bewilligung einholen und strenge Regeln befolgen. Für die Anamnese durften die Kund:innen die Masken abnehmen, so dass sie freie Sicht auf die Lippen haben konnte, erläutert Gegeckas.
Dabei hätten sie sich strikt an den Abstand von 1,5 Metern halten müssen. Anschliessend «durften wir während der Behandlung die Masken nicht abnehmen, auch nicht für die Kommunikation. Meine Kund:innen hatten zum Glück viel Verständnis.»
Solche und weitere Situationen durchlebten Menschen mit Behinderungen, als Covid-19 im Februar 2020 auch in der Schweiz auftauchte und sich ausbreitete.
Fehlende Berücksichtigung
Um die Pandemie einzudämmen, startete der Bund Informations-Kampagnen über das Virus, die Schutzmassnahmen und Impfungen. Gleichzeitig erliessen Bund, Kantone und Gemeinden eine Reihe von Massnahmen. Dabei versäumten die meisten es, von Anfang an Menschen mit Behinderungen und ihre Rechte angemessen zu berücksichtigen.
Dies bestätigt Flavia Frei, Beauftragte von der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Zürich: «Auch in der Stadt Zürich standen Menschen mit Behinderungen zu Beginn nicht im Fokus der Krisenkommunikation. Das, obwohl die Stadt seit mehreren Jahren an ihrer Gleichstellung arbeitet.»
Dasselbe beobachtete André Marty, zuständig für Politik beim Schweizer Gehörlosenbund SGB-FSS. «Die Verantwortlichen dachten nicht daran, die Informationen auch in Gebärdensprache zur Verfügung zu stellen.»

Die Maskenpflicht führte dazu, dass die Lippen und ein grosser Teil des Gesichts verdeckt waren. «Dadurch war ein Gespräch oft nicht mehr möglich» Marianne Gegeckas, die von den Lippen abliest.
Sensibilisierungen und Anpassungen
Daher forderte der SGB-FSS von Beginn an, dass Schutzmassnahmen und Impf-Kampagnen in Gebärdensprache zugänglich gemacht werden. Zunächst sei den Verantwortlichen diese Notwendigkeit nicht bewusst gewesen, so Marty. Erst mit Verzögerung kam das BAG dieser Forderung nach.
Ebenfalls bei den Verkehrsbetrieben Zürich VBZ brauchte es eine Intervention. «Die Bus- und Tramfahrer:innen wurden darin unterrichtet, dass einige Menschen aufgrund einer Krankheit oder Behinderung keine Maske tragen konnten», ergänzt Flavia Frei von der Stadt Zürich.
Einige Firmen entwickelten transparente Masken oder solche mit einem Sichtfenster, damit gehörlose und schwerhörige Menschen von den Lippen absehen konnten. Jedoch sei das Plastik beim Sprechen angelaufen und habe das Absehen erschwert, erinnert sich die Therapeutin Marianne Gegeckas.
Während der Pandemie betrieb Gegeckas viel Sensibilisierungsarbeit. Sie liess Bereitwillige sich mittels Ohropax, Lärmschutz-Kopfhörern und Maske in die Situation der Menschen mit einer Hörbehinderung hineinversetzen. Interessant seien die Reaktionen darauf gewesen. Sie reichten von «voll krass!» über «beängstigend» bis hin zu «dermassen einschränkend».
Auch in Krisen mitsprechen und selber bestimmen
Suad Dahir ist inzwischen aus der Wohngruppe ausgezogen und lebt mit punktueller Betreuung selbständig in einer eigenen Wohnung. Damals hatte die heute 31-Jährige Verständnis für das strenge und trug die Massnahmen aus Rücksicht auf ältere Bewohner:innen mit.
«Menschen mit Behinderungen sollen nicht in einen Topf geworfen werden, und wir wollen mitsprechen, wenn Massnahmen geplant und umgesetzt werden.»
Trotzdem findet sie, niemand solle eingesperrt werden. «Menschen mit Behinderungen sollen nicht in einen Topf geworfen werden, und wir wollen mitsprechen, wenn Massnahmen geplant und umgesetzt werden.»
Anita Wymann aus dem Bernbiet bemängelt, dass die Informationen des Bundes nicht neutral genug gewesen seien. «Es ist wichtig aufzuklären, aber nicht in einer Art, die Ängste schürt. Denn jeder Mensch darf kritisch denken und selber Entscheidungen treffen.»
Lehren aus der Krise
Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, die im Auftrag des BAG erstellt wurde, bestätigt diese Anliegen. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Rechte und Selbstbestimmung der Menschen mit Behinderungen auch in Krisenzeiten angemessen berücksichtigt werden müssen.
Zwar lag der Fokus der Untersuchung auf Schutzmassnahmen für Erwachsene mit Behinderungen in Wohnheimen. Doch sie hat als Fazit, dass Menschen mit Behinderungen und ihre Organisationen von Anfang an in die Krisenbewältigung eingebunden werden sollten. Ausgangssperren sollten vermieden werden und die Massnahmen besser auf die verschiedenen Behinderungsgruppen abgestimmt werden, etwa durch Ausnahmen beim Maskentragen. Zudem sollten Informationen barrierefrei und neutral verfügbar sein, um die Selbstbestimmung der Menschen mit Behinderungen zu wahren.
Gesellschaft fortwährend sensibilisieren
«Die Menschen waren mehr mit sich selber beschäftigt und redeten weniger miteinander», sagt Anita Wymann. Dabei hätte sie sich in dieser Krise mehr Zusammenhalt gewünscht.
Dem pflichtet Marianne Gegeckas bei. Sie findet es deshalb wichtig, auch in krisenfreien Zeiten für eine barrierefreie Gesellschaft zu sensibilisieren. Um besser auf künftige Krisen vorbereitet zu sein und um bereits im Jetzt Veränderungen anzustossen. «Gemeinsam sind wir stärker!»