Katharina Good (36) strahlt Zuversicht aus. Bildnachweis: Michael Waser.

Es begann im WWF-Kinderlager inmitten zauberhafter Natur: Katharina Good war dort als Co-Leiterin tätig, als sie plötzlich ein Kribbeln in den Händen wahrnahm. Ihre Finger wurden taub, und allmählich spürte sie ihre rechte Körperhälfte nicht mehr richtig. Am nächsten Tag liess sie sich untersuchen und es zeigte sich, dass ihre Nervenbahnen in Gehirn und Rückenmark beschädigt waren. Die Diagnose lautete: Verdacht auf Multiple Sklerose. Nach weiteren Abklärungen folgte die endgültige Gewissheit. Damit änderte sich Katharina Goods Leben schlagartig. 

Vor ihren ersten Beschwerden kannte sie MS nur über einen Dokumentarfilm, den ein Freund von ihr gedreht hatte. Der Film zeigte mehrere Betroffene, die aufgrund der Erkrankung nicht mehr arbeiten konnten – ein Schicksal, das sie tief berührte. Ihre berufliche Leistung war ein zentraler Bestandteil ihrer Identität. 

Damals war Katharina Good, eine studierte Kunsthistorikerin, voll und ganz in Kulturprojekten engagiert. Sie arbeitete sowohl angestellt als auch ehrenamtlich. «Ich lasse mich gerne für Themen begeistern, die ich wichtig finde», sagt sie mit leuchtenden Augen. Mit grossem Tatendrang übernahm sie Verantwortung und leistete unzählige Überstunden, oft bis an ihre Grenzen: «Ich stand kurz vor einem Burnout.»

Zum Burnout kam es indes nicht, denn die nachfolgende Diagnose MS veränderte alles. «Ich musste mich stark hinterfragen», erinnert sie sich. Sie begann, ihr Leben bewusster und ruhiger anzugehen, wurde jedoch von starken Ängsten geplagt: Wie schwer und wie schnell würde sie die Krankheit einschränken? Die Tragweite der Diagnose konnte sie nur langsam und in kleinen Schritten verarbeiten:

«Es ist die totale Unsicherheit, denn ich muss auf alles gefasst sein: zum Beispiel plötzlich nichts mehr zu sehen oder nicht mehr laufen zu können. Manche Betroffene erleben sehr abrupt einschneidende Symptome. Bei anderen kommen sie schleichend.»

Katharina Good, Kulturpolitikerin

Die Nachwirkungen ihres ersten Schubs sind inzwischen grösstenteils abgeklungen. Ein taubes Gefühl in den Händen begleitet sie weiterhin. Und wenn sie es mit Engagements übertreibt, fragt sie sich, ob es sich nur um einen Muskelkater handelt oder ein neuer Schub bevorsteht. 

Aber neue Krankheitszeichen haben sich zum Glück nicht eingestellt. «Ich bekomme super Medikamente», sagt Katharina Good. Sie hofft, dass diese sie vor weiteren Schüben bewahren. Aktuell lässt sie die MS in Ruhe, aber Sicherheit gibt es nicht. Damit kann sie inzwischen gut leben.

Die teure Behandlung brachte sie jedoch finanziell an ihre Grenzen: Ihre Krankenkassenprämien stiegen massiv, während die oft prekären Arbeitsbedingungen in der freien Szene keine ausreichende Absicherung boten. Deshalb entschied sie sich für einen beruflichen Neustart. Mit Unterstützung ihrer Familie absolvierte sie ein Zweitstudium in Sozialer Arbeit und suchte eine Festanstellung im Sozialbereich.

Katharina Good blickt aus dem Fenster in die Ferne. Bildnachweis: Michael Waser.

Eine Stelle zu finden, war anfangs schwierig, solange sie transparent von ihrer MS erzählte. Zum Beispiel lobte eine Personalverantwortliche ihre Ehrlichkeit im Bewerbungsgespräch, kritisierte jedoch sogleich, dass die Krankheit zu Ausfällen führen könnte. «Das war unglaublich deprimierend», erinnert sich Katharina Good. 

Im Bekanntenkreis spricht sie offen über ihre Diagnose. Besonders während der Corona-Pandemie war es für sie essenziell, auf ihre Situation hinzuweisen. Da sie durch das Medikament anfälliger für schwere Covid-Verläufe war, bat sie ihr Umfeld, Schutzmasken zu tragen. 

Sie erhielt viel Unterstützung von ihrem Partner und ihren Freundinnen, besonders in den schwierigen Phasen. Doch manchmal reagierten Menschen in ihrem Umfeld unpassend, wenn sie über ihre Erkrankung sprach. So erlebte sie etwa, dass jemand auf ihre Beine starrte und überrascht bemerkte, dass sie offensichtlich nicht im Rollstuhl sass, sondern laufen konnte. «Die meisten denken, dass Multiple Sklerose optisch sichtbar ist», meint sie dazu.

Katharina Good arbeitet inzwischen als Sozialpädagogin in einem Wohnheim für Menschen im Autismus-Spektrum. Die Arbeit mit Menschen wurde zur Herzensangelegenheit. Ihre eigene Diagnose trägt dazu bei, dass sie ihnen auf Augenhöhe begegnet. Nach Stellenantritt entschied sie, offen über ihre MS zu sprechen und das Bewusstsein für die Erkrankung zu schärfen.

Sie wünscht sich, dass MS-Betroffene in der Gesellschaft sichtbarer werden: Beeinträchtigungen sollen kein Tabu mehr sein. Bereits in der Kulturpolitik aktiv, begann sie, sich verstärkt für Inklusion und die Rechte von Menschen mit Behinderungen einzusetzen. Sie engagiert sich in der Sozialdemokratischen Partei und verpasste beim ersten Anlauf nur knapp die Wahl in den Basler Grossen Rat.

«Ich möchte mich jetzt für soziale Gerechtigkeit einsetzen, solange es meine Gesundheit zulässt. Ich habe keine Lust, später mit der IV um Leistungen streiten zu müssen.»

Katharina Good, Kulturpolitikerin

Nach dem Interview und Fotoshooting wartet bereits der nächste Termin mit einer Theaterproduzentin, denn Katharina Good ist weiterhin in Kulturprojekten aktiv. Sie macht sich auf den Weg. Mit zügigem Schritt.

Was ist Multiple Sklerose (MS)?

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem irrtümlich die schützende Hülle der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark angreift. Dies führt zu Entzündungen und Narbenbildung (Sklerose), die die Weiterleitung von Signalen zwischen Gehirn und Körper stören. Die genaue Ursache für diese Fehlfunktion ist noch nicht bekannt, doch eine Kombination aus genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen scheint eine Rolle zu spielen.

Die Symptome sind sehr unterschiedlich und reichen von Seh- und Bewegungsstörungen über Taubheitsgefühle bis hin zu kognitiven Beeinträchtigungen. Häufig tritt die Krankheit bei jungen Erwachsenen auf, wobei die Diagnose in der Regel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr gestellt wird. Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer. Obwohl MS bislang nicht heilbar ist, können moderne Therapien das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen und vielen Betroffenen ein selbstständiges Leben ermöglichen.

Quelle: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)