
Hilft im ÖV die unsichtbare Behinderung sichtbar zu machen: Der Sunflower Lanyard. Bild: Silvia Meierhofer
Nervös stehe ich in der Schlange vor dem SBB-Schalter. Drei Personen trennen mich noch vom Tresen. Hinter mir stehen bereits die nächsten an. Der Moment, mich aus dem Staub zu machen, ist somit vorbei. Stattdessen versuche ich mein Skript zu üben. Aber mein Kopfkino hat andere Pläne und führt meinem inneren Auge das Worst-Case-Szenario vor: Die Mitarbeiter:in hat keine Ahnung, wovon ich gleich spreche, muss diverse andere Mitarbeitende zur Rate ziehen und von anderen Schaltern – anderen Kund:innen – abziehen, wodurch ich plötzlich im Mittelpunkt des gesamten Raumes stehe. Am Ende ernte ich ratlose bis mitleidige Blicke und werde einmal mehr das Gefühl haben, von niemandem auf der ganzen Welt verstanden zu werden.
Der erste Schalter links wird frei. Der Ausgang liegt am anderen Ende des Raumes. Der längst mögliche Weg. Der längst mögliche Walk of Shame. Die Mitarbeiterin ist jung – sehr jung – vermutlich eine Lernende. Es ist August. Bestimmt hat sie erst mit der Lehre begonnen. Vielleicht ist das ihr erster Tag. «Auch das noch!», denke ich, während ich auf sie zugehe.
«Ich möchte bitte einen Sunflower Lanyard», sage ich zum Tresen. «Ja sicher, kein Problem. Einen Moment bitte!» Überrascht blicke ich auf und sehe noch, wie sich die junge Frau umdreht, und mir dann strahlend einen grünen, mit gelben Sonnenblumen übersäten Schlüsselanhänger überreicht. Am unteren Ende des Anhängers baumelt eine kreditkartengrosse Karte. Dazu händigt mir die Mitarbeiterin einen zweiseitigen Flyer aus. Ich spüre, wie mir die Tränen kommen. Ich murmle ein «Danke» und hänge mir den Bändel gleich um den Hals, bevor sie es sich nochmals anders überlegt. Mit wässrigen Augen verlasse ich das Gebäude.
Das alles hat sich im Sommer 2025 abgespielt. Jetzt – fast ein Jahr später und um einen zweiten Sunflower Lanyard reicher (den Ersten habe ich zeitweise irgendwo in meiner Wohnung verloren) – versuche ich eine Zwischenbilanz zu ziehen.
Ein Bändel mit Sonnenblumen: Was ist der Sunflower Lanyard?
Der Sunflower Lanyard wurde 2016 am Londoner Flughafen Gatwick eingeführt. Was aussieht wie ein Überbleibsel der vorletzten Streetparade, ist das Symbol für «hidden disabilities», also unsichtbare Behinderungen. Der Flughafen als Startpunkt ist dabei kein Zufall: Für viele bedeutet Reisen, und insbesondere Fliegen, ein hohes Mass an Stress: Viele Menschen, eine fremde Umgebung, Zeitdruck und unbekannte Abläufe. Wer sich hier auch noch «seltsam» verhält, wird nicht nur misstrauisch beäugt, sondern im schlimmsten Fall verdächtigt, ein:e Terrorist:in zu sein.
«Er ist unser symbolischer Rollstuhl: ein Hinweis darauf, dass wir Behinderungen und daraus resultierende Bedürfnisse haben – sei es Zeit, Geduld oder einen ruhigen Umgang.»
In der Schweiz leben über zwei Millionen Menschen mit Behinderungen. Über 80 Prozent davon sind nicht sichtbar. Dazu gehören beispielsweise die Autismusspektrumsstörung (ASS), Epilepsie, Angststörungen oder Demenz. Der Sunflower Lanyard ist ein dezenter Hinweis für Mitarbeitende an Bahnhöfen, in Banken oder Supermärkten: Hier könnte jemand mehr Zeit, Geduld oder Unterstützung brauchen. Entscheidend ist: Die Träger:innen behalten die Kontrolle. Sie entscheiden, ob sie den Bändel tragen – und damit ihre Bedürfnisse sichtbar machen.
Seit 2019 verbreitete sich der Sunflower Lanyard nicht zuletzt dank Social Media weltweit. 2025 brachte Autismus Schweiz ihn in die Schweiz: kostenlos an ausgewählten SBB-Schaltern, einzelnen Institutionen wie Theatern und bei der Organisation selbst. Die Initiative ergänzt Angebote wie die «stille Stunde» beim Einkaufen oder bei Kinovorstellungen, die sich gezielt an Menschen mit sensorischen Herausforderungen richten.
Ein symbolischer Rollstuhl
Wer an Barrierefreiheit denkt, hat oft Rampen oder Lifte im Kopf. In diesem Sinne hätte der öffentliche Verkehr in der Schweiz bereits bis 2024 vollständig barrierefrei sein müssen. 20 Jahre Zeit – und doch waren Ende 2023 nur 60 Prozent der Bahnhöfe und ein Drittel der Bus- und Tramhaltestellen tatsächlich umgebaut (oder einfach abgeschafft). Menschen mit eingeschränkter Mobilität müssen weiterhin auf Shuttleservices oder Einstiegshilfen zurückgreifen. So nützen auch Rampen und Aufzüge wenig, wenn man als Rollstuhlfahrer:in stundenlang auf zusätzliche Hilfe warten oder Umwege in Kauf nehmen muss – oder die Reise erst gar nicht antritt, weil sie zu unsicher ist.
Für Menschen mit unsichtbaren Behinderungen mag ein Bahnhof physisch betretbar sein. Doch die Reizüberflutung, die unvorhersehbaren Abläufe und das Fehlen von Rückzugsräumen machen ihn zu einem ebenso unüberwindbaren Hindernis wie ein Gleiswechsel ohne Lift für eine Rollstuhlfahrer:in.
Und für sie – für uns – die wir «gar nicht behindert aussehen», gibt es vor allem eines: Unverständnis. Hier kommt der Sunflower Lanyard ins Spiel. Er ist unser symbolischer Rollstuhl: ein Hinweis darauf, dass wir Behinderungen und daraus resultierende Bedürfnisse haben – sei es Zeit, Geduld oder einen ruhigen Umgang. Dadurch erleichtert der Sunflower Lanyard wenigstens einem Teil der Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen, an der Gesellschaft teilzunehmen.
Ambivalente Sichtbarkeit
Seit fast einem Jahr nehme ich nun als Person mit «sichtbaren» unsichtbaren Behinderungen an der Gesellschaft teil. Oder anders gesagt: Kann ich meine Behinderung sichtbar machen. Tatsächlich halten sich meine Erfahrungen mit dem Tragen des Sunflower Lanyard sehr in Grenzen.
Der Grund: Eigentlich will ich am liebsten nicht gesehen und schon gar nicht wahrgenommen werden. Mir stellte sich die Frage danach, ob ich den Sunflower Lanyard überhaupt tragen will, da ich mir nichts Schlimmeres vorstellen kann, als Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ausserdem komme ich auch irgendwie klar mit Zugfahren und Fliegen (Noise-Cancelling-Kopfhörer sei Dank!).
«Diesen ‹einfach so› ausgehändigt zu bekommen, ohne in Frage gestellt zu werden, ohne abgewertet zu werden und obendrauf noch mit Wohlwollen, war einfach nur ein einmaliges Erlebnis. »
In meinen Unsicherheiten hoffte ich auf Antworten im Internet. Ich fühlte mich insbesondere von einem Kommentar über das Schlüsselband in einem Reddit-Forum gesehen und angesprochen: «Er ist unangenehm, er ist hässlich, und er hängt genau da!! Wo die Leute ihn sehen können – und damit auch mich!»
Ich bin also nicht alleine mit meinen Bedenken und mit meiner Ambivalenz, gesehen werden zu wollen und zugleich nicht. Mir als spät diagnostizierte Autistin mit ADHS fällt es noch immer schwer, überhaupt Raum einzunehmen, geschweige denn, irgendetwas zu verlangen. Immer, wenn ich Bedürfnisse geäussert habe, wurden mir diese sofort wieder abgesprochen. Beispielsweise das Tragen von Kopfhörern bei der Arbeit, mein Wunsch nach Rückzug oder mich nicht an Small Talk beteiligen zu müssen.
Das Tückische an ADHS und Autismus – und an vielen nicht sichtbaren Behinderungen – ist: Symptome werden oft als Persönlichkeitsmerkmale abgetan. Jedes (Fehl-)Verhalten wird dadurch zur aktiven Entscheidung, zur puren (böswilligen) Absicht, unseren Mitmenschen auf die Nerven zu gehen. Dabei ist es mein Nervensystem, das permanent überlastet ist. Nichts, was ich willentlich beeinflussen könnte. Interessanterweise wird der Umgang kaum besser, wenn man sich als Mensch mit Behinderungen outet, denn: «Alle haben doch ein bisschen ADHS» und «Der Sohn von Nachbars Onkel ist auch Autist und der kann imfall ganz alleine Zug fahren.»
Es ist daher kaum verwunderlich, dass viele Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen sorgfältig abwägen, ob sie sich damit abfinden wollen, einfach als ein «bisschen schrullig» gelesen zu werden, oder sich als Mensch mit Behinderungen outen. Das führt mich zurück an den Beginn dieses Artikels und zugleich meiner ersten und bis anhin letzten eigenen Erfahrung mit dem Sunflower Lanyard. Diesen «einfach so» ausgehändigt zu bekommen, ohne in Frage gestellt zu werden, ohne abgewertet zu werden und obendrauf noch mit Wohlwollen, war einfach nur ein einmaliges Erlebnis.
Sichtbarkeit schafft Raum
Im Reddit-Forum sind sich User:innen im Grunde genommen einig: Der Sunflower Lanyard ist hilfreich, jedoch noch zu wenig bekannt. Dass die meisten Menschen den Lanyard und seine Bedeutung nicht kennen, überrascht nicht. Denn Unsichtbarkeit ist ja genau das Problem. Dass man den Schlüsselanhänger bei Bedarf abziehen und verstecken kann, ist dabei fast schon symbolisch: Wir haben gelernt, uns anzupassen, uns zu verbergen, uns klein zu machen.Es ist insgesamt sehr schön zu lesen, dass die Mehrzahl der User:innen positive Erfahrungen gemacht hat. Eine User:in schreibt: «Früher wurde ich an Flughäfen immer wieder für zusätzliche Kontrollen herausgezogen – inklusive Abtasten und der Androhung einer Leibesvisitation. Ich wirke an Flughäfen gestresst und schlecht gelaunt, deshalb wurde ich ständig herausgepickt. Genau das, was ein autistischer Mensch braucht: Fremde, die dich anfassen und deine Sachen durchsuchen. Furchtbar.»
Mit den Sunflower Lanyard seien die Erfahrungen grundlegend anders. Das Flughafenpersonal begleite sie nun durch die Sicherheitskontrollen, und lässt sie früher einsteigen, damit sie sich in Ruhe für den Flug einrichten kann. Die User:in schreibt: «Wer auch immer das Qantas-Personal geschult hat, hat grossartige Arbeit geleistet: Sie sind freundlich und völlig unbeeindruckt, wenn ich Tränen in den Augen habe oder zittere.» Sie könne heute am Flughafen mehr entspannen und weine deshalb ironischerweise jedes Mal. Früher habe sie dies unterdrückt.
Ein kollektiver Akt für Inklusion
Solche Erfahrungen – ob positiv oder ambivalent – zeigen: Der Lanyard ist für viele ein Werkzeug, um überhaupt erst Raum einfordern zu können. Auch ich möchte künftig öfter Raum einfordern. Und den Sunflower Lanyard als kollektiven Akt für Inklusion verstehen. Ich trage ihn nicht nur für mich, sondern für alle, die wie ich jahrelang gelernt haben, unsichtbar zu bleiben. Ein stilles Aufbegehren gegen eine Gesellschaft, die Behinderung nur dann anerkennt, wenn sie das eigene Handeln nicht einschränkt. Ein Hinweis darauf, dass wir existieren und Raum einnehmen dürfen. Dass wir nicht zu laut, zu langsam, zu viel sind. Dass wir ein Recht haben, sichtbar zu sein. Und ich wünsche mir, dass er sichtbar macht, wieviele wir wirklich sind: über zwei Millionen!



