
Das ist die Fortsetzung von Teil 8 der Comicserie, in der Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt über die Höhen und Tiefen ihrer zweijährigen Wohnungssuche erzählen. Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7 können hier nachgelesen werden.











Die Besichtigung lief eigentlich gut. Bis die Eigentümerin fragte: «Sind sie mit ihrem Rollstuhl nicht eine Belästigung für die Nachbaren?»
Ich schwieg. Innerlich wusste ich sofort: Das ist nicht richtig. Hier möchte ich nicht wohnen. Mein Partner blieb ruhig: «Ein Rollstuhl ist sanfter als Schritte – das hat man doch gerade gehört, oder?» Dann ging es tatsächlich darum, ob die nicht vorhandenen Geräusche meines Rollstuhls den nachbarschaftlichen Frieden stören könnten. Zum Glück war die Eigentümerin mit ihrer These alleine.
Auch die anderen schienen erstaunt über ihre Feststellung, zumal sie selbst zugab, nichts gehört zu haben.
Wir verliessen die Besichtigung verwirrt, schockiert, wütend und traurig. War das gerade wirklich passiert? Und wie war es gemeint?
Wir rekapitulierten das Erlebnis immer wieder. Hatten wir etwas übersehen, uns falsch verhalten oder etwas überhört? Selbst wenn ein Rollstuhl, zum Beispiel auf altem Parkett, Lärm machen würde – was dann? Bei welcher Partei liegt die Verantwortung, das Problem zu lösen? Nach unserem Verständnis nicht bei der behinderten Person. Darf man sie deshalb abweisen?
Die Aussage, der Rollstuhl könne eine Belästigung darstellen, zeigt eigentlich nur eines: Anderssein wird aus negativer Perspektive betrachtet, das Problem bei der Person mit Behinderung verortet. Das Schlimmste dabei: Wohungssuchende müssen diese offene Diskriminierung hinnehmen, um überhaupt Chancen auf ein Zuhause zu haben.
Dieses Erlebnis hat uns dazu gebracht, diese Comicserie zu zeichnen. Wir teilen unsere Erfahrungen nicht, um Mitleid zu erregen. Sondern weil wir wissen, dass viele andere Ähnliches erleben. Wir möchten sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt – aus Scham und Schock über das Erlebte, oder aus Angst vor Repressionen. Vielleicht aber auch, weil man einfach nach vorne schauen und sich nicht länger mit Negativem beschäftigen will. Ich verstehe das nur zu gut. Trotzdem müssen wir diese Geschichten erzählen anstatt darüber zu schweigen. Denn Schweigen nützt dem Ableismus mehr als uns.
Viele Menschen mit Behinderungen erleben dasselbe. Und sie kämpfen – aber meist leise, weil sie ihre Kräfte oft für andere Kämpfe benötigen.
Wir brauchen dringend mehr Sichtbarkeit für diese Form der strukturellen Diskriminierung. Denn Inklusion muss dort beginnen, wo Menschen leben: in ihrem Zuhause.




