
Setzt sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein: Die Organisatorin Lea Sandoz-Mey (links) an der Kundgebung auf dem Helvetiaplatz. Bild: Monique Wittwer
In der starken Nachmittagssonne versammeln sich über 2000 Menschen auf dem Helvetiaplatz – von Rollstuhlfahrer:innen über Menschen mit Blindenstock bis hin zu Personen mit nicht sichtbaren Behinderungen. Die Stimmung ist friedlich und gesellig: Überall kommen Menschen ins Gespräch und folgen aufmerksam den Reden.
«Nichts über uns ohne uns!» Dieser Grundsatz der weltweiten Behindertenbewegung prägte auch diese Kundgebung für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, die am 2. Mai in Zürich stattfand. Die Selbstvertretung setzte das Organisationskomitee aus 22 Personen mit unterschiedlichen Behinderungen um, auch auf der Bühne sprachen ausschliesslich Betroffene.
Von einer Wohngemeinschaft zur politischen Bewegung
Die Idee zur Kundgebung entstand vor fünf Jahren in der Wohngemeinschaft Zwyssig. Lea Sandoz-Mey durfte damals das Ressort Teilhabe dort aufbauen. Bereits 2018 gründete sie den Verein inclusion360, der sich schweizweit für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen einsetzt und die nationale Kundgebung nun organisiert. Während ihrer Tätigkeit in der Wohngemeinschaft organisierte Lea Abstimmungsabende. Dort besprachen die Bewohner:innen über die aktuellen Abstimmungen und Wahlen. Einige der Bewohner:innen, die an diesen Abenden teilnahmen, besassen wegen ihrer Behinderung kein Wahl- und Stimmrecht. Die Gruppe sprach jedes Mal darüber, wie ungerecht die Situation für sie sei und dass sich daran etwas ändern müsste. Sie bemerkten, dass sich nichts verändern würde, wenn sie nicht selbst aktiv werden. Deshalb überlegten sie sich, was sie tun könnten, um politisch mitbestimmen zu können.
Die Antwort war für die Gruppe klar: Wir müssen politische Teilhabe aktiv einfordern. «Wir haben uns die Frauenbewegung als Vorbild genommen», sagt Sandoz-Mey im Interview mit Reporter:innen ohne Barrieren. «Wenn man keine Rechte hat, muss man auf die Strasse gehen».
Die erste kleine Kundgebung fand 2021 am Bahnhof Altstetten mit etwa 150 Personen und fünf Redner:innen statt. Ein Jahr später übergaben die Aktivist:innen der Bewegung konkrete politische Vorstösse für das Wahl- und Stimmrecht an den heutigen Nationalrat Islam Alijaj, der damals noch im Gemeinderat tätig war. Doch die Forderungen der Bewegung gehen über das Stimm- und Wahlrecht hinaus. Es geht um die vollständige Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention in allen Lebensbereichen.
«Wenn man keine Rechte hat, muss man auf die Strasse gehen»
Wenn Teilhabe fehlt, fehlt auch Teilgabe
Michael Herrmann ist ein wichtiger Teil des Organisationskomitees. Als gelernter Tiefbauzeichner mit Erfahrung in der Eventplanung nutzt er sein Fachwissen heute für die Koordination der Kundgebung. Am vergangenen Samstag hielt er zum ersten Mal eine Rede. «Ich bin schnell überfordert, wenn ich etwas allein aus einem Positionspapier eine Rede zusammenkürzen muss», sagt er im Interview mit Reporter:innen ohne Barrieren. Für ihn stellt die Nutzung von Künstlicher Intelligenz eine Form der digitalen Barrierefreiheit dar. Tools wie Chat GPT ermöglichen es ihm, seine Anliegen zu strukturieren und seine Botschaft klar zu kommunizieren. Das erwähnte Positionspapier «Strukturelle Inklusion von Kulturschaffenden mit Behinderungen in der Kulturförderung des Bundes» hatte er zusammen mit Jana Vanecek und Chantal Romani von Kunst braucht Kohle zum Hearing im BAK (Bundesamt für Kultur) für das neue Kulturleitbildes des Bundes von 2029 - 2031 eingereicht. Inklusion war auch dort für die Anwesenden Berufsverbände der Kulturlandschaft der Schweiz ein Thema und wurde wohlwollend auch von ihnen eingefordert.
Aufgrund chronischer Schmerzen und psychischen Behinderung kann Michael Herrmann seinen Beruf nicht mehr ausüben und ist heute in einer Tagesstätte tätig. Dort arbeitet er mit Alabaster und macht Schreibarbeiten als Inklusionsaktivist. In seiner Rede kritisierte er die fehlende Barrierefreiheit in der Kulturszene: «Die Stadt Zürich hat 200 Ateliers, und es gibt kein einziges komplett barrierefreies Atelier». Dazu kommt dann noch die Problematik der finanziellen Förderung, diese ist ein ganz grosses Problem, wenn man auf IV und EL angewiesen ist.

Tausende treibt es auf den Helvetiaplatz, um ein Zeichen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu setzen. Bild: Monique Wittwer
Für Michael Herrmann zeigt das ein strukturelles Problem: Menschen mit Behinderungen werden im Kulturbereich oft als Konsument:innen gesehen, nicht als Produzent:innen. In diesem Zusammenhang lehnt Michael Herrmann auch Begriffe wie «Art Brut» oder «Outsider Art» ab. Diese Bezeichnungen stempeln Kulturschaffende als Aussenseiter:innen ab und ihre Werke würden eher als Ausdruck einer Krankheit statt als echte Kunst bewertet werden. Dadurch sind die Preise, die man erzielen kann, eher eine Abwertung als eine Wertschätzung. Dies sei klar vom Kunstmarkt falsch gedacht, so Hermann. Seine Forderung ist klar: Kunst soll nach ihrer Qualität beurteilt werden, nicht nach der Person dahinter.
Assistenz als Schlüssel zur Selbstbestimmung
In diesem Jahr steht das Thema «Assistenz» im Fokus der Kundgebung. «Assistenz ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben», betont Lea Sandoz-Mey im Gespräch. Gemeint ist die persönliche Unterstützung im Alltag: Hilfe im Haushalt, Begleitung am Arbeitsplatz, Unterstützung bei politischer Teilhabe sowie technische Hilfsmittel. So können Menschen mit Behinderung selbst über ihr Leben bestimmen.
Obwohl die Schweiz durch die UNO-Behindertenrechtskonvention allen den gleichberechtigten Zugang zu Assistenz ermöglichen muss, ist das System der Invalidenversicherung (IV) schwer zugänglich und mit hohen Hürden verbunden. Die Bürokratie rund um Assistenzbeiträge ist so komplex, dass viele Betroffene professionelle Hilfe benötigen, nur um den Antrag überhaupt auszufüllen. Zudem gibt es grosse kantonale Unterschiede bei der Finanzierung. Und wer Unterstützung will, muss oft in institutionellen Strukturen leben, statt in einer eigenen Wohnung.

Elf Forderungen übergab die Organisationsgruppe der Kundgebung an die Politiker:innen. Bild: Marc Taudien
Deshalb hat die Bewegung elf Forderungen aufgestellt. Die Bewegung fordert darin primär, dass Assistenz als einklagbares Grundrecht im Bundesrecht verankert wird, damit die Unterstützung nicht länger vom Goodwill einzelner Behörden oder kantonaler Budgets abhängt. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Ausweitung der Assistenz auf sämtliche Lebensbereiche – von der Bildung über die Kultur bis hin zur Familiengründung. Auch die Arbeitsassistenz muss reformiert werden, damit sie nicht nur für Angestellte, sondern explizit auch für Selbstständige und Kulturschaffende zugänglich wird. Erst wenn die Finanzierung unabhängig von der Wohnform gesichert ist und Menschen ihre Assistenzpersonen frei wählen können, wird die Vision einer inklusiven Schweiz, in der niemand gegen seinen Willen in einer Institution leben muss, zur Realität. Diese Forderungen wurden im Rahmen der Kundgebung direkt an politische Entscheidungsträger:innen wie die Nationalräte Islam Alijaj und Philipp Kutter übergeben.
Eine nationale, barrierefreie Veranstaltung
Zum ersten Mal war die Kundgebung national konzipiert und wurde von 45 Organisationen aus der ganzen Schweiz unterstützt. «Es ist die barrierefreiste Kundgebung der Schweiz», sagt Lea Sandoz-Mey.
Vor Ort gab es Gebärdensprachdolmetscher:innen, Induktionsanlagen und Texte in Leichter Sprache. Wer nicht persönlich anreisen konnte, verfolgte die Veranstaltung über einen Livestream: Insgesamt 348 Personen nutzten dieses Angebot.
Vormerken: Die sechste nationale Kundgebung findet am 8. Mai 2027 wieder auf dem Helvetiaplatz in Zürich statt.




