Frau mit weissblonden langen Haaren spaziert durch einen Wald grünen Bäumen. In der rechten Hand hält sie einen weissen Stock, in der linken das Geschirr an dem ein weisser, mittelgrosser Hund geht.

An einem sonnigen Frühlingsnachmittag treffe ich Yvonne und Flix am Bahnhof von Pratteln. Yvonne ist eine zierliche Frau mit aufrechter Haltung. Sie trägt ein rubinrotes, knielanges Kleid und eine Sonnenbrille. Ihr blondes, schulterlanges Haar rahmt ihr Gesicht sanft ein. In ihrer linken Hand hält sie Flix an einem Führgeschirr. Ein knapp neunjähriger Königspudel, dessen weisse Locken sich am Körper dicht krausen. Flix wirkt ruhig und wachsam zugleich. 

Zu Fuss gehen wir die kurze Strecke zu ihrer Wohnung. Schon auf den ersten Metern zeigt sich, wie die beiden zusammenarbeiten: Ein Auto versperrt den Gehweg. Flix stoppt und zeigt Yvonne so, dass der Weg blockiert ist. Hier wird deutlich: Für Yvonne ist Flix nicht nur ein Hilfsmittel. Er ermöglicht ihr Mobilität in einer Welt, die auf Sehende ausgerichtet ist.

«Flix passt mit seinem sozialen, sensiblen und aufmerksamen Wesen perfekt zu mir.»

Yvonne Rutschmann, Halterin eines Blindenführhundes

In der Wohnung ist es blitzsauber. Jedes Ding hat seinen festen Platz. Für Yvonne ist das aber nicht nur eine Frage der Ordnung, sondern der Orientierung. «Wenn ein Stuhl plötzlich woanders steht, wird er zum Hindernis», erklärt sie. In jedem Zimmer liegt ein Bettchen für Flix. «Er ist eine Kleblaus, immer da, wo ich bin», sagt Yvonne liebevoll. Er spüre sensibel, wie es ihr gehe. Raufen? Niemals, dafür sei er viel zu sanft. Auch mir wird bald klar: Flix versteht es, die Herzen der Menschen im Nu zu erobern.

Der Weg zum perfekten Match

Flix ist bereits Yvonnes vierter Blindenführhund. Er wurde bei der Blindenhundeschule Liestal | VBM ausgebildet (s. Box). Die Schule arbeitet eng mit Züchter:innen zusammen, um für sehbehinderte Menschen den passenden Hund zu finden. Yvonne schwärmt davon, dass sie sich eine Rasse wünschen durfte: «Es bedeutet mir viel, da die Chemie zwischen Hund und Halter:in stimmen muss.»

Die Ausbildung eines Führhundes ist streng und zeitintensiv. Erst mit der Wesensreife kommt ein Hund im Alter von rund 1,5 Jahren an die Schule zurück und wird von Instruktor:innen gezielt auf seinen späteren Einsatz ausgebildet. Am Ende steht eine Prüfung durch eine Fachperson der Invalidenversicherung (IV). Dabei wird das Tandem aus Hund und Instruktor in verschiedenen Situationen getestet: Treppen steigen, Verhalten im öffentlichen Verkehr oder auch die Schreckfestigkeit des Tieres.

Bevor ein frisch ausgebildeter Hund seine Arbeit aufnimmt, erfolgt das «Matching». Der Instruktor kennt sowohl die Hunde im Training als auch die Lebenssituation und Bedürfnisse der künftigen Halter:innen. «Hunde sind wie Menschen», sagt Yvonne. «Es gibt Frühaufsteher und Langschläfer.» Sie wollte einen Hund, mit dem sie aktiv in der Natur sein kann. «Flix passt mit seinem sozialen, sensiblen und aufmerksamen Wesen perfekt zu mir.»

Nach dem Matching folgt ein halbes Jahr Tandemtraining, bei dem der sehbehinderte Mensch und der Hund gemeinsam üben. Danach gibt es eine erneute Standortbestimmung mit dem IV-Experten. «Das Wort Prüfungwird dabei bewusst nicht verwendet, um Stress zu vermeiden», erklärt Thomas Wiggli, Vizepräsident im Vorstand der Blindenhundeschule Liestal. Der Beitrag der IV deckt laut Wiggli nur einen Teil der Kosten ab. Ohne Spenden und Zuwendungen von Stiftungen wäre die Ausbildung nicht möglich.

Zwar bleibt die Schule Eigentümerin der Hunde, für Yvonne ist jedoch klar: «Flix gehört zu mir.»

Das Führen ist für Flix eine mentale Höchstleistung. Er kann etwa zwei Stunden pro Tag konzentriert arbeiten. Unbekannte Wege muss Yvonne im Kopf vorbereiten, damit sie ihn mit klaren Hörzeichen leiten kann. Insgesamt beherrscht Flix 45 Hörzeichen, die ihm Yvonne auf Italienisch durchgibt. Da Führhunde in der ganzen Schweiz zum Einsatz kommen, werden den Hunden die Hörzeichen auf Italienisch beigebracht. Für Yvonne ein Vorteil: «Wenn ich «piede» sage, reagiert nur Flix. Bei «Fuss» kämen wohl alle Hunde in der Nähe an mein Knie», sagt sie lachend.

An der Tramhaltestelle kennt Flix das Hörzeichen «vai casella». Er führt Yvonne dann direkt zum weissen Einstiegsfeld und wartet. Auf bekannten Wegen darf Flix auch einfach Hund sein. Dann nutzt Yvonne ihren weissen Stock, damit Flix schnüffeln und frei laufen kann. «Wir wollen auch nicht nur arbeiten», sagt sie. Freizeit sei für beide essenziell.

«Wenn ich mich auf ihn verlasse, komme ich ans Ziel.»

Yvonne Rutschmann, Halterin eines Blindenführhundes

Yvonne war sechs Jahre alt, als ein Virus ihre Netzhaut zerstörte. Lange Zeit blieben ihr fünf Prozent Restsicht; ein enger Röhrenblick, der ihr zumindest eine grobe Orientierung ermöglichte. Vor drei Jahren verschwand auch dieser Rest. Eine Makuladegeneration führte zur vollständigen Erblindung. Für Yvonne damals eine massive Umstellung. «Ich sehe gar nichts, und damit meine ich wirklich nichts», sagt sie ruhig. Keine Konturen, kein Schatten, kein Licht.

Vertrauen als Basis für die Kommunikation

Der weisse Stock war für sie nie eine passende Alternative zum Hund. «Mit dem Stock fühle ich mich behindert, mit Flix habe ich dieses Gefühl nie.» Während der Stock den Boden unmittelbar vor ihr abtastet, sieht Flix vorausschauend: Er erkennt Treppen, Hindernisse und herannahende Gefahren frühzeitig. Mit ihm sei sie schneller, freier und deutlich selbstsicherer unterwegs.

Dieses Vertrauen musste sich jedoch erst entwickeln. Kurz nachdem Flix zu ihr gekommen war, machte Yvonne mit ihm einen kleinen Spaziergang. Als sie wieder nach Hause wollte, gab sie das Hörzeichen «casa». Flix führte sie über Gras statt über den Weg. Yvonne zweifelte. Sie versuchte, die Richtung in Eigenregie zu korrigieren und landete schliesslich im falschen Dorf. Es war spät und vermeintlich menschenleer. Ein Passant habe sie und Flix schliesslich zur nächsten Tramstation gefahren.

«Ich habe dem Hund damals einfach nicht vertraut», sagt sie heute. «Dabei hatte er recht!» Seit diesem Erlebnis weiss sie: «Wenn ich mich auf ihn verlasse, komme ich ans Ziel.»

Yvonne wirkt sportlich und voller Energie. Sie wandert in den Bergen, oft im Tandem mit einem Führer, während Flix frei an ihrer Seite läuft. Auch Skifahren gehört zu ihren Hobbys, dabei fährt sie Hand in Hand mit einem Lehrer. Im Restaurant lässt sie sich die Speisen nach dem Zifferblatt-System erklären: Das Fleisch liegt z.B. auf sechs Uhr, das Gemüse von neun bis zwölf und von zwölf bis drei Uhr die Kartoffeln. «Manchmal wird es schwierig, weil junge Menschen das Zifferblatt nicht mehr kennen», sagt Yvonne.

Getränke schenke sie nach Gehör ein. Es sind ihre Offenheit und klugen Strategien, die ihr im Alltag helfen. Sie strickt, bastelt, löst Sudoku in taktiler Form und teilt ihre Erfahrungen in Interviews oder bei Schulbesuchen mit Interessierten.

«Ich bin auf Stimmen angewiesen, die Leute dürfen sich ruhig melden.»

Yvonne Rutschmann, Halterin eines Blindenführhundes

Yvonne ist eine Person, die gerne mit anderen Menschen ins Gespräch kommt. Unterwegs erlebe sie jedoch oft, dass ihre Sehbehinderung zur Isolation führe. «Ein freundliches Lächeln oder ein Winken kann ich nicht wahrnehmen», betont sie. «Ich bin auf Stimmen angewiesen, die Leute dürfen sich ruhig melden.» Flix fungiert hier oft als Brücke zur Aussenwelt. Schon sein Name hilft beim ersten Kontakt: Eigentlich heisst er Felix, doch weil Yvonne mehrere Personen mit diesem Namen kennt, wurde daraus kurz «Flix» oder liebevoll «Flixli». Wenn Passanten im Vorbeigehen statt «Flixli» ein freundliches «Grüätzi» zu hören glauben, entstehen oft spontane und ungezwungene Gespräche, die den Alltag bereichern.

Doch die gemeinsame Zeit ist endlich. Wenn Flix eines Tages in Rente geht, wird er meinen Haushalt verlassen müssen. Ein junger Nachfolger kann die volle Verantwortung für seine Halterin nur dann übernehmen, wenn der Vorgänger nicht mehr präsent ist. Bis dieser Tag kommt, will Yvonne noch jeden gemeinsamen Kilometer geniessen. Nach der Begegnung mit den beiden ist klar: Yvonne ist blind, aber verloren ist sie nie. «Solange ich den leichten Zug im Geschirr spüre und Flix ruhig neben mir geht, gibt es immer eine klare Richtung.» Und das sichere Gefühl, nicht allein unterwegs zu sein.