Seit einem Velounfall mit 12 Jahren lebt Dora mit einer Zerebralparese. Als Frau mit einer Behinderung war sie Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt. Teil 2 unserer dreiteiligen Mini-Serie «Mein Leben als Frau mit Behinderung in den 70er Jahren»

Nach einigen schulischen Umwegen erwarb ich im Frühling 1980 das Handelsdiplom an der Kantonsschule Aarau. Nun stand meinem Eintritt ins Berufsleben nichts mehr im Wege (glaubten ich und meine Familie). Obwohl meine Eltern nicht allzu begeistert waren, hatte ich geplant, vor Beginn meiner Berufstätigkeit für ein Jahr als Au Pair in London zu arbeiten, um meinem Englisch den letzten Schliff zu geben. 

In der Britischen Hauptstadt war ich zum ersten Mal ganz auf mich allein gestellt. Telefonanrufe ins Ausland kosteten rasch ein kleines Vermögen, Neuigkeiten tauschte man per Brief aus. Als ich meine erste, durch eine Organisation vermittelte Au Pair Stelle in London antrat, dachte die perfektionistische Dame sofort, die Putzarbeit und die Betreuung der zwei schulpflichtigen Kinder würden mich überfordern. In die Schweiz zurückzukehren und kleinlaut aufzugeben, kam für mich aber nie in Frage.

Harte Landung in der Schweiz

Ich wechselte zweimal die Stelle. Im Herbst 1980 fand ich die Familie, bei der ich am längsten blieb. Die Arbeit war sehr herausfordernd: Von mir wurde erwartet, das riesige Haus zu putzen und aufzuräumen, mich um die Kinder zu kümmern und deren Hausaufgaben zu überwachen. Ich lernte, schnell und effizient zu arbeiten, akribisch zu planen und anstehende Aufgaben nicht ständig vor mir her zu schieben. Diese Zeit in London war eine Lebensschule der ganz besonderen Art. Die Stadt fand ich aufregend, ich entdeckte sie sogar zu Fuss! Bald fühlte ich mich aufgenommen und respektiert, sowohl von Älteren wie auch von Gleichaltrigen, sogar von Männern.

«Ich fühlte mich als Aussenseiterin und Versagerin.»

Dora Bigler, Pensionierte Chefsekretärin

Zurück in der Schweiz, empfand ich meinen Übertritt ins reale Erwerbsleben im Frühling 1981 jedoch als regelrechten Schlag ins Gesicht. Als ich meine erste Stelle in der Verwaltung einer Bank antrat, wurde mir bewusst, wie viele Briefe rasch und fehlerfrei auf der elektrischen Schreibmaschine getippt werden mussten. Zwar beherrschte ich das Zehnfinger-System, schrieb aber behinderungsbedingt viel zu langsam, machte sehr viele Fehler und ermüdete rasch. Die Finger all meiner Bürokolleginnen und -kollegen flogen dagegen nur so über die Tastatur, als ob das nichts wäre. Zwar sagte niemand etwas, aber ich merkte, dass ich den reibungslosen Ablauf der Tagesgeschäfte störte. Ich fühlte mich als Aussenseiterin und Versagerin. 

Mein damaliger Chef empfahl mir ein Sprachstudium an der Dolmetscherschule in Zürich (DOZ), mit Deutsch als Muttersprache, Französisch als erster und Englisch als zweiter Fremdsprache. Er war mir wohlgesinnt, trotzdem liess er keinen Zweifel daran, dass er mich für ungeeignet hielt für diese Stelle. 

Schmerzensgeld bringt Zukunftsperspektiven

Aber wie sollte ich das Studium finanzieren? Nebenher arbeiten kam nicht in Frage. Wer hätte mich bei meinem langsamen Arbeitstempo und der reduzierten Belastbarkeit denn überhaupt angestellt? Die körperlichen Einschränkungen liessen sich nicht wegdiskutieren. Am Ende musste die Versicherung des Autofahrers, der meinen Unfall verursacht hatte, alle Ausgaben dafür übernehmen. Nebst den Semestergebühren auch die Kosten für den Wochenaufenthalt in Zürich und das spannende Auslandsemester in Brüssel. Dort sollte ich schliesslich auch meinen ersten Lebensgefährten N. kennenlernen, für den meine Behinderung nie ein Problem war.

An die Zeit in der Dolmetscherschule in Zürich denke ich gerne zurück. Ich lernte viel Neues, zahlreiche Dozent:innen aus verschiedenen Nationen unterrichteten dort, und ich kam mit interessanten Wissensgebieten in Kontakt. Die Semesterarbeiten wurden natürlich auf der Schreibmaschine getippt.

Nach Abschluss meines Studiums 1985 erhielt mein damaliger Partner N. die Chance, als Expat einer grossen Computerfirma in Paris zu arbeiten. Ich folgte ihm und betätigte mich fortan als unabhängige Übersetzerin in den verschiedensten Bereichen. Das Personenfreizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU existierte damals noch nicht, sonst hätte ich natürlich eine feste Arbeitsstelle gesucht. Ich fand Anzeigen von Übersetzungsbüros oder Privatkunden oft in Zeitungen. Meist erfolgten die Kontakte via Telefon, die zu übersetzenden Texte schickten die Kunden per Fax. 


Dora Bigler, 66, lebt seit sie 12 Jahre alt ist mit Zerebralparese. Sie arbeitete unter anderem als Übersetzerin und Chefsekretärin. Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter und lebt im Kanton Bern.

In diesen aufregenden Jahren in der französischen Hauptstadt konnte ich mir auch erste Kenntnisse auf dem PC aneignen, was mir die die Arbeit enorm erleichterte. Auch Paris faszinierte mich und ich reiste viel zusammen mit meinem Mann. 

1992 trennten wir uns im gegenseitigen Einvernehmen, und ich zog nach Toulouse in Südfrankreich, wo ich weiterhin meiner Tätigkeit als Übersetzerin nachging. Dort lernte ich meinen späteren Mann F. kennen, der bei der Armee diente. Im November 1994 brachte ich unsere Tochter zur Welt. Schwangerschaft und Geburt wurden engmaschig überwacht, meine Berufskrankenkasse übernahm ohne Diskussion sämtliche Kosten. Von der Armee erfuhren wir ebenfalls viel Unterstützung. 

«Als Mutter und Ehefrau war ich im ländlichen Frankreich bestens integriert und geschätzt.»

Dora Bigler, Pensionierte Chefsekretärin

Ich war also trotz meiner Zerebralparese nicht im Rollstuhl gelandet und arbeitete nicht in einer Behindertenwerkstatt. Hatte ich es also geschafft? Als Mutter und Ehefrau war ich im ländlichen Frankreich bestens integriert und geschätzt. Aber gleichzeitig spürte ich grosse Zukunftsängste. Die unsichere Erwerbslage mit immer weniger Übersetzungs-Aufträgen beunruhigte mich sehr, denn mit dem Sold meines Mannes allein konnten wir selbst in Frankreich nicht leben. Sein leichtsinniger Umgang mit Geld versprach dem keine Abhilfe. Nur mit sorgfältiger Finanzplanung vermochte ich das Schlimmste abzuwenden. Machte mich die Liebe vielleicht blind? 

Im Rückblick denke ich eher, dass ich damals immer noch im „Kampf- und Helfermodus“ steckte. Ich glaubte, mich stets beweisen und für andere aufopfern zu müssen.

Trotz meiner Verbundenheit zu Südfrankreich entschloss ich mich im Frühling 1997 schweren Herzens, mit meinem Kind in die Schweiz zurückzukehren. Ich musste uns unbedingt ein festes Einkommen erwirtschaften! Mein Mann wollte nach Erfüllung seines Vertrages mit der Armee nachkommen und ebenfalls eine Arbeitsstelle antreten. Noch ahnten wir nicht, was uns in der Schweiz alles erwarten wird. 

Teil 1 von Dora Biglers Kindheit findest du hier.

Bald bei rob.ch: Teil 3 von «Mein Leben als Frau mit Behinderung in den 70er Jahren.»